Redebeitrag zum 21. Gedenken an Oleg Valger

vom 25.01.2026

Wie jedes Jahr stand auch diesmal wieder ein kleines Grüppchen auf einer Wiese mitten in Bieblach-Ost. Die Stadt scheint zu schweigen; der Nebel schluckt die wenigen Geräusche, die an einem Sonntag Mittag in Gera überhaupt erzeugt werden.

Ab und an ist der typische Lärm der alten Tatra-Straßenbahn zu hören, den jede gersche Person kennt.

Sicherlich war es vo 22 Jahren nicht viel anders; zumindest war das Wetter ähnlich, nur ein wenig kälter – aber die Straßenbahnen waren dieselben. Doch einer lag leblos in dem kleinen Wäldchen, das an die Wiese angrenzt. Er wurde brutal von Neonazis ermordet.

Sein Name ist Oleg Valger.

Er wurde 27 Jahre alt.

Um seiner zu gedenken, finden seitdem jedes Jahr Menschen ihren Weg an dieses unscheinbare Waldstück – auch dieses Jahr.

Wir hielten dabei folgenden Redebeitrag:

Ermordet und vergessen

Heute trauern wir um Oleg Valger, der am 21. Januar 2004 von vier Rechtsextremisten brutal getötet wurde.


Vor 21 Jahren organisierte das antifaschistische Bündnis break the silence erstmals diese Gedenkveranstaltung, um auf das Verdrängen des rassistischen Mords an Oleg und den grassierenden Rechtsextremismus in Gera und Umgebung aufmerksam zu machen.
Ein Großteil der Geraer Stadtgesellschaft zeigte keinerlei Interesse an dem rassistischen Mord an Oleg. Im Gegenteil: vielmehr wurden diejenigen diskreditiert und alleine gelassen, die den allzu deutlichen Rassismus und Rechtsextremismus anprangerten. Dies wurde bereits bei der ersten Gedenkkundgebung allzu deutlich, denn die Geraer Polizei schottete die Veranstaltung mit einer Vielzahl an Beamten und sieben Einsatzfahrzeugen ab. Die Teilnehmer*innen der Mahnwache mussten sich kontrollieren und filmen lassen; Oberbürgermeister und Polizeidirektor hatten zuvor gefordert, der Gedenkkundgebung fernzubleiben.


Nur wenige Tage später wurde die Gedenkkundgebung zum 60. Jahrestag der Auschwitzbefreiung von Faschos mit Eiern beworfen, was die Cops aber wenig interessierte.
Nach einer Gedenkdemonstration für Oleg am 29. Januar 2005 sprach der damalige Oberbürgermeister Ralf Rauch davon, dass der Tod Olegs „politisch missbraucht“ werde und bedankte sich für den „besonnenen Einsatz“ der Polizei.


Diese Falschbehauptungen fielen bereits Monate nach Ende des Gerichtsprozesses, bei dem auch festgestellt worden war, dass die „fremdenfeindliche Gesinnung der Täter für die Tat prägend“ gewesen sei. Der Mord an Oleg war eine von den Jungfaschos bereits im Vorfeld geplante und brutal durchgeführte Tat. Vor Gericht gaben die Täter zu, bei vollem Bewusstsein gehandelt zu haben.
Die Nazis hatten das Haus, in dem Enrico Willim, einer der Täter, und auch Oleg wohnten spät in der Nacht verlassen, um ihr Opfer daraufhin in dieses Wäldchen, an dem wir heute stehen, zu locken. Dort wurde Oleg mit Fußtritten und diversen Waffen regelrecht hingerichtet.


An dieser Stelle schilderten wir im letzten Jahr ausführlich, wie die Faschos Oleg ermordeten. Diese Grausamkeiten tauchen auch online immer wieder auf, wenn mensch nach Oleg Valger sucht. Über sein Leben ist nichts, aber seine Exekution ist in allen Details bekannt.
Wir finden, dass damit das Werk der Täter fortgesetzt wird, die ihn durch die Art und Weise, wie sie Oleg umbrachten, eindeutig endgültig und für immer auslöschen wollten. Wenn wir versuchen, Oleg zu gedenken, sollten wir ihnen diesen Gefallen nicht tun. Wir sollten nicht diesen letzten Moment seines Lebens in der Form erinnern, den die Täter ihm aufzwingen wollten. Wir verzichten deshalb darauf, deren Vorgehen bei der Ermordung Olegs hier zu wiederholen.


Viel wichtiger als das Wie der Tat ist außerdem das Warum: Warum musste Oleg sterben?

Die Angst der Stadtgesellschaft und „Nie wieder!“ als Verdrängungsleistung


“Die unbewiesenen Behauptungen der linksautonomen Gruppen sind in hohem Maße geeignet, unserer Region den Stempel politischer Gewalttätigkeit aufzudrücken und werden in keinster Weise der Realität gerecht”, behauptete der damalige Polizeipräsident Lothar Kissel noch Monate nach Prozessende.
Die Antifaschistische Aktion Gera schrieb damals: „Dass es sich um einen politischen Prozess handelt, ist nicht mehr abzustreiten. Dafür sprechen nicht nur die Anzahl grinsender Nazis im Prozess oder die unverhohlene Freude über den Mord an einem Spätaussiedler. Noch entscheidender dürften die völlig emotionslose Hin- und Zurichtung eines Menschen und das Ausbleiben jeglicher Reue sein. Der derart bestialisch entladene Hass gegenüber dem Opfer kann nur mit einem hinreichenden Mordmotiv erklärt werden. Nur mit dem Hintergrund, dass die Täter völlige Verachtung gegenüber ihrem Opfer empfinden mussten – ein Zeichen für die tiefe Verankerung menschenverachtender Ideologie in deren Köpfen – lässt sich dieser Mord annähernd nachvollziehen.“


Der Chefredakteur der Ostthüringer Zeitung, Uwe Müller, äußerte daraufhin in einem Interview mit Polizeidirektor Lothar Kissel die Befürchtung, dass die Antifaschistische Aktion Gera dem Mord einen “politischen Stempel aufdrücken” würde.
Diese wiederum wies vor 21 Jahren darauf hin: „Dass der Prozess auf nur vier Verhandlungstage angesetzt wurde, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass dieser unangenehme Vorfall schnellstmöglich über die Bühne gebracht werden soll. In Gera gibt es keine Öffentlichkeit, die sich an dem rassistischen Diskurs stört und den politischen Skandal thematisiert.“
Wir müssen uns also die Frage stellen: Wieso hatten – und haben – die Verantwortlichen dieser Stadt Angst davor, dass die politische Dimension des Mordes an Oleg auch als solche benannt werden? Wieso ist es der Stadtgesellschaft und den Behörden so wichtig, Oleg nicht zu gedenken, ihn nicht als Opfer rechter Gewalt zu bezeichnen? Wieso wurde versucht, seinen Tod als Resultat eines Saufgelages darzustellen?


Die politische Dimension der Tat sollte verschleiert werden, weil eine tiefergehende Beschäftigung mit ihr sofort auf eine gesellschaftliche Ebene geführt hätte: Der Haupttäter war erst 14 Jahre alt und keiner der Täter älter als 18. Das waren junge Menschen, die sich radikalisiert haben, während sie zur Schule gingen, die sich radikalisiert haben inmitten dieser Gesellschaft.
Ihre Tat hatte einen rassistischen Hintergrund; sie brachten Oleg um, weil er nicht Deutsch war. Ganz eindeutig waren sie der Meinung, dass Oleg deshalb weniger Wert, weniger Mensch als sie selber war. Durch die Art und Weise, wie sie ihn töteten, setzten sie eine Dehumanisierung um, die in ihren Köpfen längst stattgefunden hatte.


Eine Gesellschaft aber, die solche Jugendliche hervorbringt, muss selbst rassistisch sein.
Und genau dieser Schluss ist es, der das Selbstbild der deutschen Gesellschaft als nach dem zweiten Weltkrieg endgültig geläutert unwiederbringlich ins Wanken bringen würde. Er widerspricht „unserem“ Selbstbild und dem, was wir alle in der Schule gelernt haben.
Das “Nie wieder” ist eine hohle Phrase der Selbstvergewisserung; eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus und erst recht nicht der ihn tragenden Ideologie hat nie stattgefunden.

Im Gegenteil: Diese Ideologie hat von Tag eins an Einzug gehalten in den deutschen Staatsapparat durch all die Altnazis, die unverzüglich in seinen Dienst eintraten.
Das Deutsche “Nie wieder” ist deshalb ein: “Nie wieder dran denken müssen”. Die Rufe nach einer “Erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad” widersprechen deshalb nicht der deutschen Gedenkkultur im Inhalt, sondern nur im Ausdruck.
Und das “Nie wieder” als “Nie wieder damit beschäftigen” ist deshalb zugleich der Hintergrund, vor dem Olegs Tod erst stattfinden konnte und auch der Grund, wieso das Gedenken an ihn so stark bekämpft wurde – und wird.
Olegs Tod erinnert uns daran, dass er wegen einer Ideologie sterben musste, die in Deutschland und weltweit so viel Leid und Tod verursacht hat, aber nicht aufgearbeitet wurde, deshalb weiterleben konnte und sich in der Nacht vom 20. auf den 21.01.2004 Bahn gebrochen hat.

Der politische Stempel

Es brauchte 14 Jahre nach Olegs Ermordung, bis die Thüringische Landesregierung ein Gutachten in Auftrag gab, das untersuchen sollte, ob Oleg und elf weitere Menschen als Opfer rechter tödlicher Gewalt in Thüringen offiziell anerkannt werden sollen.
Letztes Jahr wurde das Gutachten fertig gestellt und empfiehlt die Anerkennung für Oleg und neun weitere Personen. Diese steht weiterhin aus; die Stadt Gera äußerte sich bisher nicht dazu.
Dass dieses Gutachten erst so spät in Auftrag gegeben wurde, kann nicht als Zufall gesehen werden: Die meisten Menschen, deren Tod dort untersucht wurde, waren längst vergessen. Olegs Familie war schon weggezogen und zu unseren jährlichen Gedenkveranstaltungen kamen selten mehr als 20 Leute.
Das zeigt: Erst, wenn die Getöteten in Vergessenheit geraten und die Debatte um sie schon lange verhallt ist, wenn die Anerkennung von ihnen nicht mehr Reaktion bedeutet als ein kurzer Zeitungsartikel – erst dann, wenn das “Nie wieder damit beschäftigen” sichergestellt ist, folgt eine Anerkennung.
Das ist bitter, aber kein Skandal, sondern der Normalzustand dieses Systems und dieses Staates, dessen Existenz eben auf dem inhaltsleeren “Nie wieder” ruht. Dieses mit Inhalt zu füllen, würde ihn destabilisieren – und genau deshalb haben Zeitungsredakteure Angst, wir würden Olegs Mord einen “politischen Stempel” aufdrücken wollen.

Dabei war der politische Stempel die Flasche an Olegs Kopf und das Messer in seinem Körper! Und die Ideologie, welche die Köpfe der Täter besetzte, lebt heute genauso unverändert fort wie damals.
Vor 21 Jahren schrieben die Initiator*innen der ersten Gedenkveranstaltung für Oleg: „Ein Jahr danach hat sich an den katastrophalen Zuständen nichts geändert. Nach wie vor wird die Hegemonie rechter Alltagskultur nicht wahrgenommen, geschweige denn als Problem in Frage gestellt.“
Auch heute müssen wir feststellen, dass rechte Gewalt nach wie vor verharmlost oder gar totgeschwiegen wird.

Als sich Oberbürgermeister Dannenberg im Oktober 2024 erstmals verhalten kritisch zu den wöchentlichen, rassistischen Montagsspaziergängen äußerte, sprach er von einem Imageschaden für die Stadt Gera; „Die Heimat von knapp 100.000 Menschen“ werde „als Lebens- und Wirtschaftsstandort nachhaltig geschwächt.“
Auf die tatsächliche und täglich für viele Menschen reelle Gefahr von Rechtsextremismus und rechtsextremer Gewalt, besonders für von Faschos als Feinde markierte Menschen, wie migrantisch gelesene, queere und FLINTA Personen, ging der Bürgermeister nicht ein. Auf deren lange Tradition in Gera ebensowenig. Das “Nie wieder” als Konsens der Bundesrepublik Deutschland lässt das nicht zu.

Gedenken als politische Praxis

Lasst uns zum Abschluss nun noch etwas zum mehrmals erhobenen Vorwurf der Instrumentalisierung sagen.
Öffentliches und kollektives Gedenken unterscheidet sich gerade dadurch von individueller Trauer, dass es Ereignissen eine historische und politische Dimension zuweist. Dadurch wird mit einem öffentlichen Gedenken immer ein Zweck verfolgt.
Gerade dieser Umstand aber führt dazu, dass kollektives Gedenken einer Legitimation bedarf. Das wiederum bedingt, dass Gedenken eine Praxis ist, mit der sich kritisch auseinandergesetzt werden kann, ja, werden muss.


Die Initiative kritisches Gedenken aus Erlangen folgert daraus: “Als entscheidender Faktor für die Bewertung einer bestimmten öffentlichen Gedenkpraxis muss dann deren konkret visierter Zweck betrachtet werden. Das heißt: nicht die Instrumentalisierung an sich, sondern nur ihr Zweck kann Ansatzpunkt der Kritik sein. Daraus ergibt sich, dass es normativ unterscheidbare Formen des Gedenkens geben muss, also legitimes und illegitimes Gedenken.”
Wieso also stehen wir heute bereits zum 22. Mal hier? Was macht unser Gedenken an Oleg zu einem legitimen Gedenken?
Die Initiative kritisches Gedenken führt ein entscheidendes Kriterium an, dem öffentliches Gedenken genügen muss: “Einzig legitimer Zweck öffentlichen Gedenkens – also der Instrumentalisierung – kann nur sein, zu verhindern, dass ähnliches noch einmal geschieht. Dazu gehört, den Tod der Personen, denen gedacht wird, als sinnlosen und vermeidbaren Tod – als Ungeheuerlichkeit – auszuweisen und die Bedingungen ihres Todes zu benennen. Folglich kann nur Gedenken, das sich diesen Zweck setzt, also die historischen und aktuellen Bedingungen einer solchen Tat kritisiert und sich die Verhinderung einer Wiederholung zur Aufgabe macht, legitimes Gedenken sein. Es ist solidarisch mit den Opfern und kritisch gegenüber den Verhältnissen, die sie in den Stand des Opferseins versetzt haben.”


Dies ist es, woran wir uns messen lassen müssen, dies muss unser Anspruch und unsere Konsequenz aus dem sein, was vor mittlerweile 22 Jahren an diesem Ort geschehen ist.
Wir müssen dabei als Linke zugeben, unseren Ansprüchen weit hinterherzuhängen. Unsere Analyse ist schwach, unsere Aktionsformen wirkungslos. Linkem Handeln fehlt es an einem tragfähigen Fundament; der Faschismus erstarkt auch deshalb, weil auch wir uns viel zu wenig mit seinen ideologischen Grundlagen beschäftigen.


Somit sind auch wir nicht frei von Schuld. Lasst uns das niemals vergessen.
Lasst uns Oleg gedenken und auch um seine Familie trauern, die durch die Tat selbst, aber auch durch den Umgang der Gesellschaft mit ihr tief traumatisiert und verletzt wurde.
Lasst uns dabei nie vergessen, dass auch wir ein Teil dieser Gesellschaft sind, welche die Bedingungen dieses und vieler weiterer Morde hervorbringt und durch ihr Nicht-Gedenken weiter stabilisiert.


Lasst uns vor allem nicht vergessen, dass auch wir damit einen Anteil an diesen Bedingungen haben.
Lasst uns fragen, wieso Oleg sterben musste und was wir tun können – tun müssen – damit so etwas nicht wieder passiert.
“Kein Vergeben – Kein Vergessen!
Wandelt Wut und Trauer in Widerstand!”