Am 16.11.2025, dem sogenannten „Volkstrauertag“, gedachten wir allen Opfern rechter Gewalt in Gera auf dem Ostfriedhof und am Grabe des Widerstandskämpfers Rudolf Diener. Dabei hielten wir folgenden Redebeitrag:
Wie im gesamten „Deutschen Reich“ waren auch in Gera Jüdinnen*Juden die am stärksten unterdrückte und verfolgte Bevölkerungsgruppe:
Ungefähr 500 jüdische Personen aus Gera waren zwischen 1933 & 1945 von Verfolgung, Entrechtung, Deportation und Ermordung betroffen.
Jüdisches Leben hatte eine lange Tradition in Gera; eine jüdische Schule wurde bereits zwischen 1303 und 1305 urkundlich erwähnt.
Im Jahre 1933 lebten 378 Jüdinnen*Juden in Gera, es gab neben der Schule zwei Synagogen sowie zahlreiche jüdische Vereine, Organisationen und Warenhäuser.
Das bekannteste dürfte das Kaufhaus Tietz sein, das bereits im März 1933 „arisiert“ wurde und heute als „Horten“ bekannt in der Geraer Innenstadt leer steht.
Genauso wie im Rest von Deutschland waren auch in Gera Jüdinnen*Juden ab 1933 von Entrechtung und Verfolgung betroffen: Der Chefarzt des Geraer Klinikums, Prof. Dr. Hans Simmel, wurde schon am 21. Januar 1933 in Schutzhaft genommen, seines Postens beraubt, floh nach Stuttgart, kam ins KZ Dachau, emigrierte in die USA und starb 1943 schließlich an den Folgen seiner Haft. Anwält*innen und Ärzte verloren ihre Zulassung, Jüd*innen wie dem in Langenberg lebenden Markus Faust wurden versucht, die Aufenthaltstitel zu entziehen und sie wurden tagtäglich von der Gestapo beobachtet. Sportvereine wurden zur Auflösung und jüdische Geschäftsführer*innen zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Die SA stand auch in Gera vor von Jüdinnen*Juden geleiteten Geschäften und versuchte, einen Boykott zu erwirken.
Am 03. September 1936 wurde vor dem Landgericht in Gera Hans Hirschhorn der Prozess wegen „Rassenschande“ gemacht. Er wurde zu 6 Monaten Zuchthaus verurteilt.
Am 28.Oktober 1938 ab 3Uhr nachts schließlich begannen in Gera die ersten Deportationen: Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden brutal aus ihren Wohnungen gezerrt und in der ostvorstädtischen Turnhalle gesammelt, wo sie den ganzen Tag ausharren mussten. Am Abend wurden sie von SS und Gestapo zum Hauptbahnhof getrieben und nach Polen deportiert. Die meisten der 68 an diesem Tag abgeschobenen Geraer kam nach der Eroberung Polens in sogenannten „Ghettos“ und Konzentrationslagern ums Leben.
Am 9.November 1938 schließlich stürmte die SS frühmorgens die Synagoge im Hotel Kronprinz in der heutigen Schülerstraße und errichtete vor dem Gebäude einen Galgen, an dem eine Puppe mit den Insignien eines Rabbiners gehängt wurde. Die Einrichtung der Synagoge wurde ausgeräumt und auf der Straße verbrannt.
Genauso erging es der bereits im Zuge der Abschiebungen am 28.Oktober geschlossenen orthodoxen Synagoge in der Ludwig-Jahn-Straße und der jüdischen Schule im Meistergässchen.
NSDAP, SA und SS durchsuchten an diesem Tag mehrfach alle Wohnungen, in denen jüdische Menschen lebten mit dem Auftrag, alle Männer über 16 Jahren festzunehmen. 38 von ihnen wurden in den folgenden Tagen nach Buchenwald verschleppt.
Melanie Knörnschild, die als Putzfrau in Gera arbeitete, gelang es im Vorfeld des Novemberpogroms zumindest, zwei Thorarollen aus der Synagoge im Hotel Kronprinz zu retten, die sie in die Villa der Familie Mazur brachte, welche die Thorarollen später nach England schmuggelten.
Dies war möglich, weil die Vorbereitungen des Pogroms keinesfalls im Verborgenen geschahen: Zuvor fand im von Gera benachbarten Regierungsbezirk Kassel die „Generalprobe“ dafür statt. Zudem wurden noch vor Kriegsbeginn in Gera mehrere sogenannte „Judenhäuser“ eingerichtet, in denen jüdische Menschen gesammelt und ständiger Schikane ausgesetzt wurden. Eines dieser Häuser, das des Rechtsanwalts Dr. Hauptmann in der Zschochernstraße 32, wurde bis zum Kriegsende genutzt.
Mehrfach wurden alle Bewohner*innen gleichzeitig deportiert.
Im Oktober 1940, ziemlich genau vor 85 Jahren, kommt der antisemitische Propagandafilm “Jud Süß” in die Geraer Kinos. 16.000 Gersche sehen den Film; die Spielzeiten müssen wegen des großen Andranges mehrfach verlängert werden.
Wurden Zwangsarbeiter*innen von der Geraer Bevölkerung oft noch klandestin unterstützt, begegnete Jüdinnen*Juden keine solche Solidarität.
Anfang 1942 lebten noch 64 jüdische Menschen in Gera.
Am 10. Mai 1942 wurden zunächst 34 und am 19.September 1942 schließlich 13 von ihnen nach Theresienstadt deportiert. Von den letzten 14 jüdischen Menschen, die kurz vor Kriegsende in Gera lebten, wurden 8 weitere deportiert. Fünf von ihnen wurden durch den Vormarsch der Roten Armee auf dem Weg ins KZ gerettet. Von den Übrigen begingen drei Selbstmord, die restlichen drei tauchten unter.
217 der bei Machtergreifung knapp 400 in Gera lebenden jüdischen Menschen fanden im Nationalsozialismus den Tod.
Acht der überlebenden Geraer Jüdinnen*Juden kehrten nach Kriegsende in ihre Heimatstadt zurück.
Der Geraer Ostfriedhof als zentraler Ort des Gedenkens und der Vernichtung
Der Geraer Ostfriedhof nimmt einen zentralen Platz in der Geraer Geschichte der Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen ein. Er ist, oder besser gesagt: sollte damit ein wichtiger Gedenkort an die Verbrechen des Nationalsozialismus sein.
Das Krematorium des Ostfriedhofs, dessen Mauerreste am Eingang zu sehen sind, wurde zur Einäscherung von Häftlingen des Buchenwald-Außenlagers Gleina und Rehmsdorf (bei Zeitz) genutzt. Die Asche der Toten wurde im nördlichen Teil des Friedhofs ohne Markierung vergraben.
Der Stadtbaurat Dr. Stengel gab den Mitarbeitenden des Friedhofs die Anweisung, die Namen der Getöteten nicht zu dokumentieren. Ein Mitarbeitender widersetzte sich dem jedoch, weshalb wir heute wissen, dass hier 122 KZ-Häftlinge verschiedener Nationalitäten und 324 vorwiegend aus Ungarn stammende Jüdinnen*Juden verbrannt worden sind.
Die letzte Einäscherung fand noch am 10. März 1945 statt.
Ende März 1945 schließlich zog ein erster Todesmarsch von 250-300 Häftlingen des KZ Buchenwald durch Gera; ein zweiter Todesmarsch mit 2.000 Männern zog am 13. April durch die Stadt.
Zudem leisteten in Gera ungefähr 3.000 Menschen während des zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit. 220 von ihnen sind hier auf dem Ostfriedhof begraben.
Von 1942 bis 1945 sind über 200 Geburten polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiterinnen dokumentiert. Die Frauen mussten bereits am 8. Tag nach der Entbindung wieder ihre Arbeit aufnehmen und bekamen nicht genug Nahrung, um zu stillen. 68 der von ihnen geborenen Kinder sind noch im Säuglingsalter verstorben. Auch sie wurden hier auf dem Ostfriedhof begraben.
Außerdem ermordete das Regime 28 Geraer Widerständler*innen direkt; neun weitere starben an den Folgen ihrer Haft.
Rudolf Diener, an dessen Grab wir hier stehen, war einer von ihnen.
2.632 Geraer fielen als Soldaten im zweiten Weltkrieg. Auch von ihnen sind viele an diesem Ort begraben.
Die Toten mahnen, die Opfer nicht vergessen
Wir stehen hier, um all der Verfolgten, all der Entrechteten, Gefolterten, grausam Ermordeten und in den Suizid getriebenen Menschen zu gedenken, deren Leid nicht in Worte zu fassen ist.
Auch in Gera leistete die überwiegende Mehrheit der Stadtgesellschaft dagegen keinen Widerstand, sondern kollaborierte mit dem System oder unterstützten es offen.
Und auch heute ist das „Nie wieder“, die Lehre aus Buchenwald und Auschwitz, in Gera zu nichts weiter als einem leeren Bekenntnis verkommen.
2003 wurde Oleg Valger brutal von Neonazis ermordet. Die Stadt Gera weigert sich bis heute, seinen Tod als das anzuerkennen, was er ist: ein Mord aus rassistischen Motiven. Noch nicht einmal eine Gedenktafel, die an Oleg erinnert, durfte errichtet werden.
Vor wenigen Tagen fand auch in Gera ein Gedenken an die Novemberporgrome statt. Dort wollte der Oberbürgermeister Dannenberg, der im Wahlkampf auch von Nazis unterstützt wurde, „nicht von damals reden, sondern mit der Gegenwart beginnen“.
Noch vor dem Singen des Lieds „Dos Kelbl“ verschwand er. Die offen antisemitische AfD wiederum durfte von der Stadt unwidersprochen und geduldet einen Kranz niederlegen – eine offene Verhöhnung der ermordeten Jüdinnen*Juden.
Heute wiederum gedenken neben offenen Neonazis auch Anhänger der AfD auf dem Ostfriedhof ausschließlich gefallenen Wehrmachtssoldaten, Kriegsverbrechern und Antisemiten.
Direkt daneben befindet sich der Gedenkort für die auf dem Ostfriedhof verbrannten und begrabenen, zumeist jüdischen, KZ-Häftlinge. Auf der daneben von der Stadt angebrachten Tafel steht der Satz: „Die Toten mahnen – die Opfer niemals vergessen.“
Wer in Gera als Opfer zählt und wer nicht, ist ganz offensichtlich umkämpft – die heutige Situation auf diesem Friedhof verdeutlicht diesen traurigen Umstand eindrücklich.
Die Vertreter der Stadt wiederum zeigen durch ihr Fernbleiben, dass es ihnen egal ist. Dass es für sie keinen Unterschied macht, wem wie gedacht wird.
Diese Indifferenz, diese Gesichtslosigkeit gab es in Gera schon einmal. – Ihr Ergebnis ist auf diesem Friedhof wortwörtlich in Stein gemeißelt. Viele hundert Namen stehen hier.
Alma Schmidt, eine Geraer Bürgerin, konstatierte nach dem Krieg: „Somit hatte mir das Nazi-Regime alles, was mir das Leben noch lebenswert machte, geraubt und vernichtet.“ Dieser Raub hat mit dem Ende des Krieges nicht aufgehört. Wenige Meter von uns entfernt setzt er sich durch die Verdrehung der Geschichte und der Leugnung eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit fort.
Die Toten zu mahnen und die Opfer nicht zu vergessen heißt also auch, den Faschismus in seinem neuen Gewandt zu bekämpfen und zu vernichten. Staat und Stadt werden uns dabei nicht helfen, wie Esther Bejarano wusste.
Es liegt also an uns.
Nie wieder darf so etwas geschehen!
Nie wieder.



