Rückblick: Die Staatsmacht in die Schranken weisen

Schwarzenberg/Erzgebirge, 13.12.25

Letzte Woche fand in Schwarzenberg eine Demonstration statt, welche mit massiven Repressionen überzogen wurde.

Die Demo musste in einem wandernden Kessel laufen, während Faschos sich dieser ungestört nähern durften. Dabei kam es zu Pöbeleien und Böllerwürfen.

Mehrmals wurde die Demo unter fadenscheinigen Motiven von den Bullen angehalten und angegriffen. Es gab mehrere verletzte Personen.

Offensichtlich sollte hier ein Exempel statuiert und die Kriminalisierung antifaschistischen Engagements vorangetrieben werden.

Diese Eskalation war genauso unnötig wie erwartbar.

Die “Freien Sachsen” machten schon seit Wochen gegen die Demo mobil und sprachen von einem “Hassmarsch” – ein Narrativ, das bei der Stadtöffentlichkeit sowie der Polizei offensichtlich verfangen hat.

Zu guter Letzt dürften die Cops auch wegen des Titels – “Die Staatsmacht in die Schranken weisen” – extrem motiviert gewesen sein, mal so richtig zu zeigen, wer hier das sagen hat.

Oder wie der Einsatzleiter vor Ort sagte: “Wir können hier machen, was wir wollen; wir haben das Gewaltmonopol und nicht sie!”

Und so taten die Bullen dann auch, was sie wollten:

Neue Auflagen wurden spontan erfunden, auf Menschen eingeprügelt, mehrfach in die Demo gestürmt, Unschuldige festgenommen (und mit einem Klapps auf die Schulter – “sorry!” – wieder gehen gelassen) und Menschen brutal aus der Menge gezerrt.

Die Bullen taten damit alles dafür, genau das Bild zu abzugeben, welches vorher von den Freien Sachsen gezeichnet worden war: Hier die um ihren Weihnachtsmarkt und ihre Bergparade besorgte Stadtgesellschaft und dort die bösen Antifaschist*innen.

Das Anliegen der Demonstration geriet damit völlig in den Hintergrund – auch dies sicherlich mehr als nur ein willkommener Nebeneffekt, sondern ganz offenbar teil der Einsatztaktik.

Die rund 350 Antifaschist*innen haben sich dennoch nie einschüchtern lassen – weder von dem martialischen Auftreten der Polizei, noch von den Angriffen der Faschos.

Stattdessen hat die Demo einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, zusammenzustehn und solidarisch miteinander zu sein – gerade an Orten wie Schwarzenberg.

Es braucht antifaschistischen Widerstand, es braucht solidarische Orte wie das Hausprojekt in Schwarzenberg.

Die Lehre des diesjährigen 13.12. kann nur diese sein:

Wir kommen wieder!

Redebeitrag: Wider die Verdrängung

Am 16.11.2025, dem sogenannten „Volkstrauertag“, gedachten wir allen Opfern rechter Gewalt in Gera auf dem Ostfriedhof und am Grabe des Widerstandskämpfers Rudolf Diener. Dabei hielten wir folgenden Redebeitrag:

Wie im gesamten „Deutschen Reich“ waren auch in Gera Jüdinnen*Juden die am stärksten unterdrückte und verfolgte Bevölkerungsgruppe:

Ungefähr 500 jüdische Personen aus Gera waren zwischen 1933 & 1945 von Verfolgung, Entrechtung, Deportation und Ermordung betroffen.

Jüdisches Leben hatte eine lange Tradition in Gera; eine jüdische Schule wurde bereits zwischen 1303 und 1305 urkundlich erwähnt.

Im Jahre 1933 lebten 378 Jüdinnen*Juden in Gera, es gab neben der Schule zwei Synagogen sowie zahlreiche jüdische Vereine, Organisationen und Warenhäuser.

Das bekannteste dürfte das Kaufhaus Tietz sein, das bereits im März 1933 „arisiert“ wurde und heute als „Horten“ bekannt in der Geraer Innenstadt leer steht.

Genauso wie im Rest von Deutschland waren auch in Gera Jüdinnen*Juden ab 1933 von Entrechtung und Verfolgung betroffen: Der Chefarzt des Geraer Klinikums, Prof. Dr. Hans Simmel, wurde schon am 21. Januar 1933 in Schutzhaft genommen, seines Postens beraubt, floh nach Stuttgart, kam ins KZ Dachau, emigrierte in die USA und starb 1943 schließlich an den Folgen seiner Haft. Anwält*innen und Ärzte verloren ihre Zulassung, Jüd*innen wie dem in Langenberg lebenden Markus Faust wurden versucht, die Aufenthaltstitel zu entziehen und sie wurden tagtäglich von der Gestapo beobachtet. Sportvereine wurden zur Auflösung und jüdische Geschäftsführer*innen zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Die SA stand auch in Gera vor von Jüdinnen*Juden geleiteten Geschäften und versuchte, einen Boykott zu erwirken.

Am 03. September 1936 wurde vor dem Landgericht in Gera Hans Hirschhorn der Prozess wegen „Rassenschande“ gemacht. Er wurde zu 6 Monaten Zuchthaus verurteilt.

Am 28.Oktober 1938 ab 3Uhr nachts schließlich begannen in Gera die ersten Deportationen: Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden brutal aus ihren Wohnungen gezerrt und in der ostvorstädtischen Turnhalle gesammelt, wo sie den ganzen Tag ausharren mussten. Am Abend wurden sie von SS und Gestapo zum Hauptbahnhof getrieben und nach Polen deportiert. Die meisten der 68 an diesem Tag abgeschobenen Geraer kam nach der Eroberung Polens in sogenannten „Ghettos“ und Konzentrationslagern ums Leben.

Am 9.November 1938 schließlich stürmte die SS frühmorgens die Synagoge im Hotel Kronprinz in der heutigen Schülerstraße und errichtete vor dem Gebäude einen Galgen, an dem eine Puppe mit den Insignien eines Rabbiners gehängt wurde. Die Einrichtung der Synagoge wurde ausgeräumt und auf der Straße verbrannt.

Genauso erging es der bereits im Zuge der Abschiebungen am 28.Oktober geschlossenen orthodoxen Synagoge in der Ludwig-Jahn-Straße und der jüdischen Schule im Meistergässchen.

NSDAP, SA und SS durchsuchten an diesem Tag mehrfach alle Wohnungen, in denen jüdische Menschen lebten mit dem Auftrag, alle Männer über 16 Jahren festzunehmen. 38 von ihnen wurden in den folgenden Tagen nach Buchenwald verschleppt.

Melanie Knörnschild, die als Putzfrau in Gera arbeitete, gelang es im Vorfeld des Novemberpogroms zumindest, zwei Thorarollen aus der Synagoge im Hotel Kronprinz zu retten, die sie in die Villa der Familie Mazur brachte, welche die Thorarollen später nach England schmuggelten.

Dies war möglich, weil die Vorbereitungen des Pogroms keinesfalls im Verborgenen geschahen: Zuvor fand im von Gera benachbarten Regierungsbezirk Kassel die „Generalprobe“ dafür statt. Zudem wurden noch vor Kriegsbeginn in Gera mehrere sogenannte „Judenhäuser“ eingerichtet, in denen jüdische Menschen gesammelt und ständiger Schikane ausgesetzt wurden. Eines dieser Häuser, das des Rechtsanwalts Dr. Hauptmann in der Zschochernstraße 32, wurde bis zum Kriegsende genutzt.

Mehrfach wurden alle Bewohner*innen gleichzeitig deportiert.

Im Oktober 1940, ziemlich genau vor 85 Jahren, kommt der antisemitische Propagandafilm “Jud Süß” in die Geraer Kinos. 16.000 Gersche sehen den Film; die Spielzeiten müssen wegen des großen Andranges mehrfach verlängert werden.

Wurden Zwangsarbeiter*innen von der Geraer Bevölkerung oft noch klandestin unterstützt, begegnete Jüdinnen*Juden keine solche Solidarität.

Anfang 1942 lebten noch 64 jüdische Menschen in Gera.

Am 10. Mai 1942 wurden zunächst 34 und am 19.September 1942 schließlich 13 von ihnen nach Theresienstadt deportiert. Von den letzten 14 jüdischen Menschen, die kurz vor Kriegsende in Gera lebten, wurden 8 weitere deportiert. Fünf von ihnen wurden durch den Vormarsch der Roten Armee auf dem Weg ins KZ gerettet. Von den Übrigen begingen drei Selbstmord, die restlichen drei tauchten unter.

217 der bei Machtergreifung knapp 400 in Gera lebenden jüdischen Menschen fanden im Nationalsozialismus den Tod.

Acht der überlebenden Geraer Jüdinnen*Juden kehrten nach Kriegsende in ihre Heimatstadt zurück.

Der Geraer Ostfriedhof als zentraler Ort des Gedenkens und der Vernichtung

Der Geraer Ostfriedhof nimmt einen zentralen Platz in der Geraer Geschichte der Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen ein. Er ist, oder besser gesagt: sollte damit ein wichtiger Gedenkort an die Verbrechen des Nationalsozialismus sein.

Das Krematorium des Ostfriedhofs, dessen Mauerreste am Eingang zu sehen sind, wurde zur Einäscherung von Häftlingen des Buchenwald-Außenlagers Gleina und Rehmsdorf (bei Zeitz) genutzt. Die Asche der Toten wurde im nördlichen Teil des Friedhofs ohne Markierung vergraben.

Der Stadtbaurat Dr. Stengel gab den Mitarbeitenden des Friedhofs die Anweisung, die Namen der Getöteten nicht zu dokumentieren. Ein Mitarbeitender widersetzte sich dem jedoch, weshalb wir heute wissen, dass hier 122 KZ-Häftlinge verschiedener Nationalitäten und 324 vorwiegend aus Ungarn stammende Jüdinnen*Juden verbrannt worden sind.

Die letzte Einäscherung fand noch am 10. März 1945 statt.

Ende März 1945 schließlich zog ein erster Todesmarsch von 250-300 Häftlingen des KZ Buchenwald durch Gera; ein zweiter Todesmarsch mit 2.000 Männern zog am 13. April durch die Stadt.

Zudem leisteten in Gera ungefähr 3.000 Menschen während des zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit. 220 von ihnen sind hier auf dem Ostfriedhof begraben.

Von 1942 bis 1945 sind über 200 Geburten polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiterinnen dokumentiert. Die Frauen mussten bereits am 8. Tag nach der Entbindung wieder ihre Arbeit aufnehmen und bekamen nicht genug Nahrung, um zu stillen. 68 der von ihnen geborenen Kinder sind noch im Säuglingsalter verstorben. Auch sie wurden hier auf dem Ostfriedhof begraben.

Außerdem ermordete das Regime 28 Geraer Widerständler*innen direkt; neun weitere starben an den Folgen ihrer Haft.

Rudolf Diener, an dessen Grab wir hier stehen, war einer von ihnen.

2.632 Geraer fielen als Soldaten im zweiten Weltkrieg. Auch von ihnen sind viele an diesem Ort begraben.

Die Toten mahnen, die Opfer nicht vergessen

Wir stehen hier, um all der Verfolgten, all der Entrechteten, Gefolterten, grausam Ermordeten und in den Suizid getriebenen Menschen zu gedenken, deren Leid nicht in Worte zu fassen ist.

Auch in Gera leistete die überwiegende Mehrheit der Stadtgesellschaft dagegen keinen Widerstand, sondern kollaborierte mit dem System oder unterstützten es offen.

Und auch heute ist das „Nie wieder“, die Lehre aus Buchenwald und Auschwitz, in Gera zu nichts weiter als einem leeren Bekenntnis verkommen.

2003 wurde Oleg Valger brutal von Neonazis ermordet. Die Stadt Gera weigert sich bis heute, seinen Tod als das anzuerkennen, was er ist: ein Mord aus rassistischen Motiven. Noch nicht einmal eine Gedenktafel, die an Oleg erinnert, durfte errichtet werden.

Vor wenigen Tagen fand auch in Gera ein Gedenken an die Novemberporgrome statt. Dort wollte der Oberbürgermeister Dannenberg, der im Wahlkampf auch von Nazis unterstützt wurde, „nicht von damals reden, sondern mit der Gegenwart beginnen“.

Noch vor dem Singen des Lieds „Dos Kelbl“ verschwand er. Die offen antisemitische AfD wiederum durfte von der Stadt unwidersprochen und geduldet einen Kranz niederlegen – eine offene Verhöhnung der ermordeten Jüdinnen*Juden.

Heute wiederum gedenken neben offenen Neonazis auch Anhänger der AfD auf dem Ostfriedhof ausschließlich gefallenen Wehrmachtssoldaten, Kriegsverbrechern und Antisemiten.

Direkt daneben befindet sich der Gedenkort für die auf dem Ostfriedhof verbrannten und begrabenen, zumeist jüdischen, KZ-Häftlinge. Auf der daneben von der Stadt angebrachten Tafel steht der Satz: „Die Toten mahnen – die Opfer niemals vergessen.“

Wer in Gera als Opfer zählt und wer nicht, ist ganz offensichtlich umkämpft – die heutige Situation auf diesem Friedhof verdeutlicht diesen traurigen Umstand eindrücklich.

Die Vertreter der Stadt wiederum zeigen durch ihr Fernbleiben, dass es ihnen egal ist. Dass es für sie keinen Unterschied macht, wem wie gedacht wird.

Diese Indifferenz, diese Gesichtslosigkeit gab es in Gera schon einmal. – Ihr Ergebnis ist auf diesem Friedhof wortwörtlich in Stein gemeißelt. Viele hundert Namen stehen hier.

Alma Schmidt, eine Geraer Bürgerin, konstatierte nach dem Krieg: „Somit hatte mir das Nazi-Regime alles, was mir das Leben noch lebenswert machte, geraubt und vernichtet.“ Dieser Raub hat mit dem Ende des Krieges nicht aufgehört. Wenige Meter von uns entfernt setzt er sich durch die Verdrehung der Geschichte und der Leugnung eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit fort.

Die Toten zu mahnen und die Opfer nicht zu vergessen heißt also auch, den Faschismus in seinem neuen Gewandt zu bekämpfen und zu vernichten. Staat und Stadt werden uns dabei nicht helfen, wie Esther Bejarano wusste.

Es liegt also an uns.

Nie wieder darf so etwas geschehen!

Nie wieder.

Gedenken an alle Opfer nationalsozialistischer und rechter Gewalt – gestern und heute

Auf dem Geraer Ostfriedhof liegen 446 KZ-Häftlinge begraben, zumeist ungarische Jüdinnen*Juden. Außerdem ruhen dort über 200 Zwangsarbeiter*innen sowie Widerstandskämpfer*innen wie der aus Gera stammende Rudolf Diener. Er starb im Gestapo-Gefängnis in Gera an Folter.

In diesem Kontext ist es mehr als widerlich, dass sich Nazis und Reichsbürger*innen jedes Jahr am Volkstrauertag an genau diesem Ort treffen, um in Tradition des nationalsozialistischen „Heldengedenkens“ Kriegsverbrechern und den Opfern eines angeblichen „Bombenholocaust“ zu gedenken. In Reden werden die Deutschen dabei zu alleinigen Opfern verklärt und Kontinuitäten zur angeblich „importierten Gewalt“ heute gezogen.

Wenige Tage zuvor, am 09.11.25, wurden Vertreter*innen der AfD beim Gedenken an die Novemberpogrome in Gera von der Stadt geduldet und durften dort Kränze niederlegen. Vertreter*innen der AfD werden auch am Volkstrauertag dem „Heldengedenken“ beiwohnen. Das alles verhöhnt die Opfer des Nationalsozialismus!

Wir werden deshalb am Grab Rudolf Dieners allen Menschen gedenken, die dem rechten Terror, ob im Nationalsozialismus oder danach, zum Opfer gefallen sind.

Vor allem die offene Verhöhnung der getöteten Jüdinnen*Juden und die Relativierung der Shoah lassen wir nicht zu.

Es gibt viel zu betrauern und vieler zu gedenken – zwei verlorene Kriege jedoch sind kein Grund zu trauern!

Wir treffen uns am 16.11.25 um 09:45Uhr am Haupteingang des Ostfriedhofs in Gera und gehen anschließend gemeinsam zum Grab Rudolf Dieners.

Rückblick: Reichsbürger*innentreffen in Weimar

04.10.25, Nachspeise: Kaiserschmarrn

Am 04.10. stand schließlich der nächste und letzte Akt eines langen und intensiven Demowochenendes an. Diesmal ging’s nach Weimar, um dort gegen einen bundesweiten Reichsbürger*innenaufmarsch zu protestieren.

Ähnlich wie tags zuvor bekam die Gersche Rechte auch diesmal keinen Bus zusammen, weshalb sich 15 Reichsbürger*innen im gleichen Zug wie wir einfanden. Es handelte sich diesmal um Anhänger*innen der Reuß’schen jüngeren Linie, die vor allem wegen des umstürzler-“Prinzen“ Heinrich überregional Bekanntheit erlangt haben dürfte. Jungfaschos und andere prominente Gersche Rechte blieben der Anreise fern.
Reuß jüngere und ältere Linie sollten dennoch zusammen mit den Preußen die größte Abordnung auf dem Reichsbürger*innentreffen bilden.

Ankunft der „Reußen“ in Weimar

An diesem war auch diesmal auffällig, wie bewusst familienfreundlich sich die Faschos zu inszenieren versuchten. In Zeiten, in denen die gesellschaftliche Stimmung komplett kippt, wird diese Strategie offensichtlich in dem Vertrauen gewählt, endgültig gesellschaftlich akzeptiert zu werden, während der Staat immer repressiver gegen emanzipatorische Bewegungen vorgeht. So nutzen dann auch die Reichsbürger*innen die Antifa-Ost beziehungsweise Budapest-Komplexe, um das Bild einer linksterroristischen Bewegung zu malen, während man selbst ja total friedlich und ungefährlich sei. Genau diese Strategie fährt auch Christian Klar in Gera, der die Polizei beinahe um Schutz vor den so gefährlichen Linken anfleht. Und nicht zufällig veranstaltet die rechte Szene immer mehr „Sommer-“ und „Familienfeste“ wie am 1.5. in Gera oder am 03.10. in Gestalt der AfD in Erfurt und Mödlareuth. Auch die Reichsbürger*innen schlugen wie bereits im Vorjahr in Gera mit Leinwand, Bierbänken und musikalischen Acts in diese Kerbe.

Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu den 90er Jahren, in denen offen mit Cops kooperierende und von diesen Schutz einfordernde Faschos wohl in kürzester Zeit aus der Szene getreten worden wären.

Die Inszenierung mit Leinwand etc setzte bewusst auf das Darbieten performativer Harmlosigkeit.

Für die linksradikale Bewegung stellt sich in Anbetracht dessen die Frage, welche Strategien und Taktiken im Umgang mit dieser sich selbst verharmlosenden und Anschluss an die „Mitte“ findenden extremen Rechten angemessen sind – ein Kriechgang-Wettbewerb vor den Bullen, wie es bürgerliche Kräfte schon seit Längerem versuchen, dürfte keine größeren Erfolgsaussichten haben.

In dieser neurechten Taktik liegen aber auch Sollbruchstellen und damit Interventionschancen, weil die dauernde Selbstverharmlosung die eher aktionsorientierten Jungfaschos auf lange Sicht abstoßen und damit zu neuen Rekrutierungsproblemen führen könnte. Es ist kein Zufall, dass Parteien wie Heimat und III. Weg nur sehr begrenzt Profit aus dem Rechtsruck unter Jugendlichen schlagen konnten, was die Gewinnung neuer Mitglieder*innen angeht.

Die Reichsbürger*innen setzten voll auf diese Karte, bedankten sich bei Stadt und Polizei für die „gute Zusammenarbeit“ und betonten immer wieder, doch bloß für „Friede, Freiheit und Souveränität“ zu sein und dass sie sich von Rassismus distanzieren würden.

Zog deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich als ein paar hundert Rechte: Der Gegenprotest.

Diese Distanzierung funktioniert freilich nur über die Brücke des Ethnopluralismus und dem Zusatz, dass alle Völker bitte da zu bleiben hätten, „wo sie hingehören“ und ist damit selbst zutiefst rassistisch.

Ähnlich bescheiden sieht es bei der vorgeblichen Distanzierung vom Dritten Reich aus, das als genozidiales System bezeichnet wurde, während von den kolonialen Verbrechen des Deutschen Reiches einfach geschwiegen wurde. Auch die „Gäste“ aus Mosambik wurden folgerichtig als Token missbraucht, um darzustellen, dass man ja gar nicht rassistisch sein könne, wenn auch nicht-weiße Personen mitlaufen.

Dass diese ganzen Distanzierungen und Behauptungen nur zur Aufrechterhaltung einer billigen Fassade dienen, wurde schon auf der Auftaktkundgebung offenbar. Auf dieser musste extra darauf hingewiesen werden, dass alle ihre Nebenmenschen im Auge behalten sollten, welche Gesten sie mit ihren Armen zeigen und sie im Zweifel davon abhalten. Wer entsprechende Gesten zeige, würde von der Demo ausgeschlossen werden und müsse mit einer Anzeige rechnen.

Reuß jüngere Linie
Und Reuß ältere Linie in Begleitung von Sebastian Weber (AfD) aka Weichreite TV

Wenig überraschend wurden später aus dem Aufmarsch heraus einige Hitler- und Wolfsgrüße gezeigt, die weder die Teilnehmenden noch die Ordner*innen oder gar die Polizei großartig interessierten und insofern toleriert wurden. Letztere waren ohnehin viel zu beschäftigt damit, den Gegenprotest zu filmen und Menschen anschließend in Maßnahmen zu nehmen.

Wenn Antifaschist*innen in Maßnahmen stecken,…
…kann so ein „Versehen“ schnell mal übersehen werden.
Oder so eins. Schade aber auch!

Selbst eine kleine Gruppe als Clowns verkleideter Menschen, die mit ihrer Performance als Hofnarren die Lächerlichkeit des Reichsbürger*innentreffens zur Schau stellten, riefen sofort die BFE auf den Plan, die sich mit Quarzhandschuhen und Kamera ausrüsteten und eine 1:1-Betreuung organisierten. Dieses martialische Auftreten im Kontrast zu den bunten Clowns lieferte zumindest schöne Symbolbilder davon, wer von diesem Staat als potentielles Problem ausgemacht wird und wer nicht – auch wenn sich die BFE bei den Clowns darauf beschränkte, diese zu einer Stelle auf der anderen Straßenseite zu leiten.

Wortspiele erübrigen sich.
Ein Sinnbild dessen, was in den Augen der Polizei die eigentliche Gefahr darstellt – bei den Fürst*innen gibt’s wenigstens was zu erben!

Ansonsten verlief der Aufmarsch recht zügig und ereignislos; an jedem der angemeldeten Infopoints gab es ein gellendes Pfeifkonzert und so war für die Faschos zumindest an ungestörtes Laufen nicht zu denken.

Interessant war allerdings die Situation auf dem Markt, auf dem ganz normal Markttag war. So zogen die Faschos um die Marktstände herum und zwischen diesen sammelten sich die Antifaschist*innen, getrennt wurde beides nur durch eine äußerst löchrige Bullenkette. Ein kurzes Antesten, wie nahe mensch an die Reichsbürger*innen gelassen wurde, resultierte dennoch direkt in einer kleinen Schubserei mit und Gewaltandrohung von den Bullen, woraufhin entschieden wurde, dass dieser lächerliche Haufen Rechter es an diesem Tag nicht Wert war, neue Antirepressionskämpfe aufzunehmen.

Nach dem Durchzug der Faschos ging es wieder zurück zur Gegenkundgebung, die von zwei-drei Gruppen Jungfaschos ausgecheckt wurde – aber auch die schienen eher unmotiviert. Durch einen alsbald einsetzenden Platzregen löste sich die Kundgebung ohnehin recht schnell auf, während die Faschos im Regen stehengelassen wurden.

Fazit: Zahlen, bitte

Über das ganze Wochenende gab es in Thüringen rechte Veranstaltungen an insgesamt fünf Orten (Erfurt, Mödlareuth, Altenburg, Weimar und Apolda) mit insgesamt circa 2.100 Teilnehmenden. Deutlich wurde dabei eine offensichtliche Verschiebung der Taktik hin zu Selbstverharmlosung und Anbiederung an die „Mitte“, während hinter der Fassade Hitlergrüße gezeigt und Waffen in Vorbereitung auf eventuelle Konfrontationen deponiert werden.

Alle rechten Demonstrationen sollten erkennbar den Charakter eines Familienfestes haben oder wurden sogar direkt als solches beworben – der Querdenken-Kongress in Apolda stand zudem unter den Schlagwörtern „konsensieren“ und „Demokratie“.
Das harmlose Auftreten sollte dabei nicht über fortlaufende Radikalisierungsprozesse und zunehmend selbstbewusstes Auftreten der Szene hinwegtäuschen – gerade Altenburg wurde sich über Tage hinweg förmlich angeeignet. Zudem zeigt das Wochenende, zu was die Szene mittlerweile fähig ist, was das Organisationspotential angeht. Dass die rechten Veranstaltungen nicht zentral koordiniert wurden, sondern sich förmlich organisch so ergeben haben zeigt, wie aktiv gerade gehandelt werden kann. Gleichzeitig zeugt es von einem Selbstverständnis, auf ein breites, koordiniertes Handeln nicht (mehr) angewiesen zu sein, um dennoch erfolgreich mobilisieren zu können. Das Wochenende dokumentiert damit eine gewisse Handlungsfähigkeit der extremen Rechten in Thüringen.

Dennoch müssen die Zahlen eingeordnet werden: Angemeldet waren insgesamt mehr als doppelt so viele Teilnehmende – allein in Erfurt meldete die AfD 2.000 an, während gerade einmal 300 auftauchten. Es gibt also gleichzeitig eine größer werdende Zahl aktiver Personen in der Szene, während die Mobilisierungsfähigkeit weiterhin stark überschätzt wird. Die Teilnehmendenzahlen dürften für die Faschos eher unter den Erwartungen geblieben sein.

Aber auch die solidarischen Kräfte haben gezeigt, dass auf die zunehmende Normalisierung rechter Raumnahme reagiert werden kann, wie das sowohl geographisch als auch zivilgesellschaftlich breit aufgestellte Bündnis „Thüringen stellt sich quer“ zeigt. So fanden an ebenfalls fünf Orten solidarische Veranstaltungen statt (Erfurt, Gera, Altenburg, Mödlareuth und Weimar), während der Querdenken-Kongress kritisch begleitet wurde – dazu aber an anderer Stelle mehr.

Es hat sich dabei gezeigt, dass Thüringen weiterhin über eine aktive antifaschistische Zivilgesellschaft verfügt; 2.600 Teilnehmende sind in Anbetracht der teils kurzfristigen Mobilisierungen nicht zu verachten.

Hieran gilt es anzuknüpfen und neue Bündnisse zu schmieden, in denen aber auch die Frage zu stellen ist, ob es ausreicht, immer nur in einer reagierenden Rolle zu stecken. Zudem braucht es dringend eine Debatte darüber, welche Aktionsformen in Anbetracht der Lage möglich und nötig sind.

Es reicht in unseren Augen nämlich natürlich nicht aus, einfach nur Gegenproteste anzumelden, sich zehn Minuten Faschos anzugucken und wieder nach Hause zu fahren – weder wird damit die rechte Raumnahme effektiv bekämpft, noch lassen sich damit Selbstwirksamkeitserfahrungen machen.
Als Linke müssen wir dringend wieder in eine agierende Position kommen.

Reorganisiert die Antifaschistische Aktion!

Wenigstens eins wurde gebührend gekrönt. So witzig solche Bilder auch sein mögen, bleibt dennoch die Frage, wie nachhaltig solch ein Protest sein kann.

Rückblick: Fascho-Aufmarsch und Gegenprotest in Altenburg

03.10.25, Hauptgericht: Faschoauflauf

Wenn wir uns auch in Gera ungehindert die Straße nehmen konnten, blieben die Gerschen Faschos dennoch an diesem Tag nicht untätig – bekanntlich schlossen sie sich der Demo von Freien Sachsen und Freiem Thüringen in Altenburg an.

Bis auf Mobi auf den Kanälen von Heimat und JN schienen sie sich allerdings aus der Organisation der Demo herauszuhalten. Wir werten dies als weiteren Beleg dafür, wie wenig bei den Rechten zusammengeht, wenn Christian Klar einmal nicht zur Verfügung steht, wie es sich auch schon eine Woche zuvor beim CSD in Gera zeigte.

Die Reste der Gerschen Jugend versuchten kurzfristig, noch eine Störung unserer Demo in Gera auf die Beine zu stellen und wollten sich vermutlich auf die gemeinsamen Anreisen konzentrieren, mussten aber zum wiederholten Male einsehen, dass ihre Mobilisierungsfähigkeit für solche Aktionen einfach nicht ausreicht. Stattdessen wurde sich auf eine gemeinsame Zuganreise nach Altenburg beschränkt, zu der ganze fünf Leute auftauchten, wovon zwei noch nicht einmal direkt mit einstiegen, sondern erst noch eine Runde über das Höhlerfest drehten, um dann nachzukommen. Eine Busanreise Gerscher Rechter schien ebenfalls mangels Interesse nicht zustande gekommen zu sein; stattdessen wurde der Fokus auf individuelle Anreisen gelegt.

Wir machten uns währenddessen mit Solibus e.V. auf den Weg nach Altenburg und konnten so in den Luxus einer ungestörten Anreise bis zum Zielort kommen. Die durchaus sympathische Idee, einfach irgendwo auszusteigen und zu schauen, wie die Bullerei reagiert, wenn zwei Buslasten Antifas irgendwo in der ostdeutschen Provinz durch die Felder rennen, konnte dabei leider aus Zeitgründen nicht realisiert werden; den Gegenprotest in Altenburg wollten wir ungern verpasssen.

Kaum dort aus den Bussen gestiegen, wurde es auch schon etwas hektisch: Noch während einige der schon zuvor aus Richtung Sachsen(-Anhalt) mit dem Zug angereisten Genoss*innen in einer Maßnahme steckten, wurde der Rest dazu aufgefordert, durch eine enge Unterführung zum Bahnhofsplatz zu laufen. – Kesselgefahr hoch zwei und daher etwas irritierend, dass der Großteil der Anwesenden der Aufforderung sofort nachkam.

Oben angekommen verzögerte sich der Abmarsch Richtung Theater dann gleich wieder, weil die Cops sich zu Kritik an der Kleiderwahl einiger Teilnehmenden genötigt sahen. Wahrscheinlich etwas vom unverhältnismäßigen Bullenaufgebot eingeschüchtert ließ sich die Versammlungsleitung dadurch leider in die Rolle eines Hilfspolizisten drängen und begann mit längeren Ausführungen darüber, welche Kombinationsmöglichkeiten verschiedener Kopfbedeckungen den Urteilen der Bullerei nach noch zulässig seien und welche nicht.

Am Ende waren den Bullen die circa 250-300 Antifaschist*innen am doppelt abgeriegelten Theater dann scheinbar doch lieber als irgendwo am Bahnhof, von dem aus ja auch die Faschos zu ihrer Demo kommen mussten, weshalb die Laufstegdebatten letztlich doch eingestellt wurden und die Demo loslaufen durfte.

Womit auch immer die gerechnet haben an dem Tag

Wenig verwunderlich bekamen die Faschos da eine ganz andere Behandlung von staatlicher Seite: Nicht nur durfte auf deren Kundgebung Bier in Glasflaschen ausgegeben werden, sondern sah die Bullerei auch scheinbar kein Gefährdungspotential, das von einigen hundert Rechtsextremen ausgehen könnte.

So fiel die Aufgabe, in den Tagen und Nächten vorher die Kundgebungsfläche sowie die Umgebung abzusuchen, dann motivierten Antifaschist*innen zu. Die Funde konnten sich sehen lassen: Zwei Beutel mit Pyrotechnik und einer mit Quarzhandschuhen und Vermummungsgegenständen im angrenzenden Waldgebiet sowie Schlagringe und Teleskopschlagstöcke auf den Dixi-Toiletten.

Die Faschos schienen auf Gewalt also zumindest vorbereitet; schon die gesamte Woche über zogen sie in Kleingruppen durch die Stadt und scouteten offenbar. Ihre Demoroute liefen sie dabei gleich mehrfach ab; am 03.10. selbst kam es dann aber zu keinerlei Konfrontationen.

Die Bewegungsfreiheit der Antifaschist*innen am Theater währenddessen wurde stark eingeschränkt – gleich in zwei Reihen standen Hamburger Gitter auf der Straße und schufen so einen einige Meter breiten Puffer zwischen Faschos und Gegendemo, der folglich mit ensprechend viel Polizei besetzt wurde. Auch die Treppen des Theaters waren auf diese Weise abgeriegelt; von oben verteilt sich das Pfeffer schließlich auch besser, wenn es „gebraucht“ wird.

Die Cops schienen also die Taktik zu fahren, einerseits durch Masse einzuschüchtern und andererseits möglichst herrisch aufzutreten, um so dafür zu sorgen, dass wir die Füße still halten. Zudem wurde in den Tagen vorher das Gerücht gestreut, dass etwaige spontane Aktionen mit besonders harter Hand „gemanaged“ werden würden.

Die Versammlungsfläche am Theater war ein de facto-Kessel

Leider tat die Gegendemo ihnen diesen Gefallen, wodurch die Faschos ungehindert durch die Stadt laufen konnten – ein Fehler, der sicherlich nicht wiederholt werden wird und der gerade bei Altenburger Genoss*innen Enttäuschung hervorrief. Wir wollen sie deshalb hier zu Wort kommen lassen:

Was sollen wir sagen? Viel erwartet und vorgenommen, doch am Ende überwiegt die Enttäuschung!

Man hat es definitiv verpasst, ein großes Zeichen zu setzen; – fehlende Aktionsbereitschaft und die große Unentschlossenheit für Spontis aus der Demo heraus, das beschäftigt uns sehr.

Versteht uns nicht falsch, wir sind froh, so viele Menschen auf der Gegendemo gesehen zu haben; vor allem die Anreisen von außerhalb freuen uns sehr.

Umso enttäuschter sind wir aber über die bereits erwähnte Aktionsbereitschaft. So konnten die Faschos ungehindert und ohne großen Aufwand sowie Gegenprotest durch die Stadt ziehen. Das wurmt uns extrem… Für die Zukunft haben wir unsere Schlüsse gezogen, dass dies in dieser Art und Weise nicht noch einmal geschieht!

– Genoss*innen aus Altenburg

Die Kundgebung am Theater bestand deshalb großteils aus Warten. Das lag auch daran, dass die Faschos doch erst am Abend die Lust fanden, durch die Stadt zu ziehen. So kam es erst gegen 17:45 Uhr zu einer Begegnung, die vorrangig aus Sprechchören und Pöbeleien bestand.

Auf Seiten der Rechten wurden dabei einige Hitlergrüße gezeigt, die aber ungesühnt blieben, weil die Bullen sich lieber mit dem Abfilmen des Gegenprotests die Zeit vertrieben.
Neben der Gerschen Jugend zogen noch einige weitere bekannte Gesichter aus Gera vorbei, allen voran Andreas Thomä. Eine größere Beteiligung aus Gera ließ sich allerdings nicht feststellen und auch insgesamt dürften die knapp 500 Teilnehmenden eher eine enttäuschende Bilanz für die Faschos gewesen sein.

Warum so unfreundlich?
Wer hier wohl gegrüßt wurde? (Auch am rechten Bildrand)
Direkt daneben: Die Reste der GJ…
…von denen so viel mehr nicht übrig ist.
Auch dabei: „Der StörTrupp“
Und natürlich Andreas Thomä (ganz rechts im Bild mit Mütze und Sonnenbrille)

Nach circa 10 Minuten Pöbelei war die ganze Sache auch schon vorbei und es ging wieder zurück in Richtung (Bus-)Bahnhof, während eine kleine Gruppe motivierter wenigstens der Kundgebungsfläche der Rechten noch einen kurzen Besuch abstattete.

Als vollen Erfolg würden auch wir den Tag nicht bezeichnen, finden es aber dennoch gut zu sehen, wie schnell und flexibel auf die rechten Planänderungen reagiert werden konnte, sodass der Faschoaufmarsch zumindest nicht unkommentiert durch Altenburg lief. Dennoch stehen Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis, wenn tagelange Planungen nur darauf hinauslaufen, wie im Zoo am Gitter zu stehen und danach wieder abzuziehen. Rechte Raumnahme ist kein ein Wettbewerb, wer die höchsten Teilnehmendenzahlen vorzuzeigen hat, sondern eine ernstgemeinte und ernstzunehmende Bedrohung, gegen die wir uns wehren müssen.

Bloßes Reagieren reicht einfach nicht aus und hat dazu beigetragen, dass wir erst in diese Lage gekommen sind. Antifa in die Offensive!

Rückblick: Staat und Patriarchat zerschlagen – Antifaschismus auf die Straße tragen!

03.10.2025: Vorgeschmack

Die letzten Jahre hat sich eine kleine Tradition extrem rechter Demos am 03.10. in Gera entwickelt. Entstanden aus den Anti-Corona-Montagsspaziergängen lockten das Ende der Maßnahmen in Verbindung mit diesem Feiertag 2022 knapp 10.000 Menschen an; ein krasses Zeichen der Normalisierung Rechtsextremer in der Stadtgesellschaft und des Schulterschlusses zwischen extremer Rechten, Schwurbler*innen und Reichsbürger*innen in Gera.

Von diesem Mobilisierungserfolg blieb schnell jedoch nicht viel übrig. Bereits 2024 war die Teilnehmendenzahl nicht wesentlich höher als bei den bis heute stattfindenden Montagsspaziergängen, wenn auch zum „harten Kern“ einige Familien mit Kleinkindern dazustießen.

Dennoch war der 03.10.2024 aus zwei Gründen bemerkenswert:

1. wurde der Gerschen Jugend von Christian Klar Banner und Megaphon überreicht. Die folgenden Wochen bis zum Jahreswechsel sollten die Hochphase dieser Gruppe bilden – nicht nur am 03.10., sondern auch danach bildeten sie den Frontblock, fielen durch rassistische Sprechchöre, dem Hören von Landser-Songs in der Fußgängerzone und einer Beteiligung am Bürgerwehr-Flop von Klar auf. In der Spitze zählte die Gruppe um die 50 Mitglieder*innen sehr unterschiedlicher Aktionsniveaus- und Grade ihrer politischen Festigung. Einige von ihnen weigern sich bis heute, die Gruppe als „rechts“ zu bezeichnen und sehen sie eher als Freundeskreis. So kritisch diese fehlende Reflektiertheit auch gesehen werden muss, zeigt sich hieran dennoch das Konfliktpotential der Gruppe, welche von ihren wechselnden Anführern sehr wohl als dezidiert politisch gedacht worden ist.

Lange konnte das nicht gut gehen: Anwesenheitspflichten bei bestimmten Vorhaben oder Demos konnten nicht durchgesetzt werden und die ideologische Schulung der Mitglieder*innen kam nicht voran. Gleichzeitig verließen bis dato tragende Verantwortliche die Gruppe; dazu kamen interne Konflikte und damit verbundene Ausschlüsse. Einige ehemalige Mitglieder sind deshalb bis heute nicht gut auf die GJ zu sprechen.

Ab Februar 2025 war die Gruppe inaktiv; auf den Social-Media-Accounts gab es erst ab Mitte September wieder einige wenige Storys. Scheinbar wollen Einzelne weiter an der Gruppe festhalten.

2. Anders als 2022 und 2023 gab es 2024 keine vorher angemeldete antifaschistische Demo an diesem Tag. 2022 landete diese am Bahnhof in einer Unterführung im Polizeikessel und wurde so daran gehindert, ein öffentlich wahrnehmbares Gegengewicht zu bilden. 2023 gab es in Folge der Repressionen rund um den 01.05. ein gesteigertes öffentliches Interesse und dadurch einen größeren und lautstarken Gegenprotest.

Letztes Jahr fanden sich dennoch spontan circa 90 Antifaschist*innen zu einem Protest zusammen; einige versuchten, eine Sitzblockade zu bilden. Diese wurde in chaotischen Szenen von der Straße geprügelt, während die Faschos mitten durch sie hindurch laufen durften. Lediglich deren Lauti musste umdrehen – nicht aber ohne die von Klar im Nachgang ausgesprochene Drohung, die Antifas das nächste Mal zu überfahren.

Die Konsequenz aus dieser längeren Vorgeschichte war klar: Dieses Jahr darf es keinen weiteren rechten Aufmarsch am 03.10. in Gera geben!

Wir meldeten also eine Demonstration auf genau der Route an, welche die Faschos sonst immer genutzt hatten – und waren dann doch etwas überrascht davon, dass dieser einfache Kniff schon Hürde genug für die Rechten war: Während im (Spät-)Sommer noch bei der „Bruderschaft C60“ (mittlerweile schon wieder aufgelöst) für eine Demo in Gera mobilisiert und von Klar ein großes Programm versprochen wurde, änderten sich diese Pläne still und heimlich, als Freie Sachsen und Freies Thüringen stattdessen nach Altenburg zu mobilisieren begannen. Die Heimat schloss sich dem prompt an und flüchtete so vor unserer Demo.

Parallel wurde klar, dass am ersten Oktoberwochenende einiges auf Thüringen zukommen sollte: AfD-“Familienfest“ in Erfurt, Reichsbürger*innen in Weimar, Querdenker*innen in Apolda, nochmal die AfD in Mödlareuth und eben Heimat/Freie Sachsen/ Freies Thüringen in Altenburg – außerdem solidarische Veranstaltungen in allen diesen Städten, dazu noch in Schmölln und eben uns in Gera.

Uns war somit bewusst, dass unsere recht groß geplante Demo deutlich kleiner ausfallen würde und zudem auch nicht zur geplanten Uhrzeit stattfinden konnte, weil sie sonst mit Altenburg kollidiert wäre.

Eine Absage stand dennoch nicht zur Debatte, schließlich hatten wir unser Ziel erreicht und wollten die Gelegenheit natürlich nicht verstreichen lassen, die Straßen in Gera an diesem Tag für uns allein zu haben. Wir entschieden uns deshalb für eine Vorverlegung um zwei Stunden und einer verkürzten Route.

In Anbetracht der Vielzahl paralleler Veranstaltungen und der für eine Demo an `nem Feiertag doch eher unfreundlichen Uhrzeit fand sich eine durchaus akzeptable Menge auf dem Hofwiesenparkplatz bei bestem frühherbstlichen Wetter ein. Hier schon einmal ein riesiger Dank an alle, die sich teils schon ab 8:30Uhr auf den Weg zu uns gemacht haben!

Kaum waren alle angekommen, mussten die Pläne jedoch abermals geändert werden: der Lauti stand im Stau und es war fraglich ob und wann er Gera erreichen würde. So wurde in Deli-Plena entschieden, selbstverständlich auch ohne Lauti zu laufen, eine Deadline festgelegt und noch eine Notlösung in Form eines Lautsprechers im Bollerwagen aufgetrieben. Mit diesem wurde dann auch die Auftaktkundgebung mit einem starken Redebeitrag von Fairy zu Kritik am Patriarchat bestritten.

Nach Verstreichen der Deadline – aus dem Stau hatte sich mittlerweile eine Vollsperrung entwickelt – setzte sich die Demo mit deutlicher Verspätung und nochmals verkürztem Programm, dafür aber mit einiger Energie in Bewegung.

Viel Resonanz von Passant*innen und Anwohnenden gab es allerdings nicht; bekanntlich sind die Bordsteine in Gera zwischen 18 und 13 Uhr hochgeklappt. Lediglich am Köstritzer-Hochhaus zeigten sich einige Menschen an den Fenstern; zur Feier des Tages flog diesmal sogar kein Böller in Richtung der Demo.

In der Heinrichstraße wurde eine stabile Kundgebung mit guten Redebeiträgen von BASC über die zunehmenden Repressionen unserer Bewegung sowie aus Erfurt zur Wehrpflicht und deren Verbindung mit dem patriarchalen Staat eingelegt, ehe es weiter in Richtung Hauptbahnhof ging.

Die Energie vom Anfang konnte danach nicht mehr erreicht werden – auch weil einige Personen mehr Interesse daran hatten, interne Konflikte in einer laufenden Demo auszutragen als sich an dieser zu beteiligen und so zumindest ein ganz gutes Beispiel selektiver Solidarität abgaben.

Am Hauptbahnhof angekommen ging es nach kurzer Abschlusskundgebung mit einem Redebeitrag zu rechten Strukturen in Gera, welche sich ja auch an der Demo in Altenburg beteiligten, in die extra aus Berlin angereisten Solibusse, um anschließend nach Altenburg zu fahren.

Vom Tag bleibt die Erinnerung an eine motivierte Demo, welche durch das Mengenverhältnis von Teilnehmenden zu Cops und dem fehlenden Lauti etwas in ihrem Auftreten limitiert war, aber das Beste aus der Situation gemacht hat. Wir haben uns die Straße genommen und eine klare antinationalistische Botschaft in die Stadt getragen, wir haben gezeigt, dass es eine Alternative zum kapitalistischen und patriarchalen System gibt und damit ganz nebenbei auch einen Faschoaufmarsch verhindert. Es gibt schlechtere Tage im Leben!

Wir möchten hier nochmals allen danken, die zum wiederholten Mal zu uns nach Gera gereist sind, die Redebeiträge geschrieben oder gehalten haben, die eine Funktion übernommen haben und außerdem den parlamentarischen Beobachter*innen sowie der insgesamt vier Stunden auf der A4 stehenden Lauticrew und den Genoss*innen von Solibus e.V., dank denen wir uns keinen Zug mit Faschos teilen mussten. Ihr alle habt gezeigt, was durch Solidarität alles möglich ist und dazu beigetragen: den Rechten keinen Meter – Staat und Patriarchat zerschlagen!

Aktionswebsite: Thüringen stellt sich quer! (03.+04.10.2025)

Für das kommende Wochenende sind vier solidarische Demonstrationen in Thüringen geplant. Updates zu diesen gibt es auf der Website g0310.noblogs.org – unter anderem zu den jeweiligen Anreisen, aber auch die Demoaufrufe, Aktionskarten und (besonders wichtig): die EA-Nummer (so circa 24h vorher).

Eigentlich war diese Website als Infoseite für unsere Demo am 03.10. gedacht; da nun das ganze Wochenende aber etwas andere Dimensionen annimmt als zuvor gedacht, gilt sie für alle Aktionen an diesem Wochenende in Thüringen.

03.10.2025: Demo vorverlegt!

Weil bekanntlich die Gerschen Faschos nach Altenburg flüchten, ergibt sich uns die leider seltene Gelegenheit, unsere eigenen Inhalte ungestört in der Stadtöffentlichkeit zu verbreiten – das stattfindende Höhlerfest tut dazu sein Übriges.

Wir werden diese Chance natürlich nutzen und unseren Erfolg, die Nazis durch unsere Demo aus der Stadt getrieben zu haben, natürlich gebührend feiern.

Gleichzeitig dürfen die Genoss*innen in Altenburg nicht mit dem rechten Aufmarsch alleine gelassen werden, weshalb wir unsere Demo vorziehen und verkürzen werden, um 13.57 Uhr mit Zug und Solibus zur Demo in Altenburg aufzubrechen, welche um 15.00 Uhr beginnen wird.

Gleich zwei Demos an einem Tag gibt’s ja nicht so oft – die Chance sollte also unbedingt genutzt werden!

Statt 13.00 Uhr beginnt unsere Demo nun 11.00 Uhr und Züge aus allen Himmelsrichtungen erreichen Gera gegen 10.55 Uhr.

Der Startpunkt bleibt der Gleiche (Hofwiesenparkplatz), aber wir enden nun direkt am Hauptbahnhof, um schnell nach Altenburg (oder für alle, die nach einer Demo genug haben: nach Hause) zu kommen.

12.09.2025: Soliparty: „Break me out when september ends“ – Free all Antifas!

Seit über einem Jahr sitzt Maja im Budapester Knast. Maja wurde von den Bullen in einer Nacht- und Nebelaktion nach Ungarn verschleppt. Und das rechtswidrig.

Maja sowie sechs weiteren Antifaschist*innen wird der bewaffnete Angriff auf Faschos bei einem Nazi-Gedenktreffen in Budapest im Februar 2023 vorgeworfen.

Maja wurde bereits Ende 2023 festgenommen; sechs weitere Antifas stellten sich im Januar 2025. Sie wollten sich nicht länger im Untergrund verstecken.

Majas grauenvolle Haftbedingungen lassen sich als Folter bezeichnen. Zudem hat Maja als nichtbinäre Person unter der queerfeindlichen, rechtsextremen Regierung Ungarns zu leiden.

Die Unterstützung der Gefangenen braucht eine Menge Geld. Wir wollen den verfolgten Antifas unsere volle Solidarität ausdrücken und Spenden sammeln, um sie finanziell zu unterstützen!

Dazu veranstalten wir am 12.09.2025 eine Soliparty, deren Einnahmen wir an die Rote Hilfe spenden.

Es erwarten euch tolle Performances verschiedener Künstler*innen, kühle Getränke und neue Solishirts.

Veranstaltungsort ist die Häselburg in Gera.

Einlass ab 19 Uhr

Showbeginn 20 Uhr

FSK 16 (aus Sicherheitsgründen werden wir das überprüfen)

Lineup:

Lewia

Truelu

Oll

Tinyminogue

Kommt mit all euren Freund*innen vorbei und habt Spaß! Wir freuen uns auf euch 🙂

Es handelt sich um eine Vereinsfeier von AufAndHalt e.V.

Gefördert von Polylux e.V.

03.10.2025: Staat und Patriarchat zerschlagen!

Für den 03.10. planen wir eine größere Demonstration in Gera. Uns ist es dieses Jahr besonders wichtig, eigene inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und uns nicht auf Gegendemonstrationen zu beschränken. So nehmen wir uns die Straßen und besetzen Raum, der sonst von Nazis besetzt werden würde.

Lest hier unseren Aufruf – für die Demo gibt es wieder eine eigene Website, die nach und nach mit relevanten Infos befüllt werden wird. Schaut also regelmäßig vorbei: g0310.noblogs.org

Aufruf: Am 03.10. alle nach Gera!

Die vergangenen Jahre war Gera am “Tag der Einheit” Schauplatz rechter Demonstrationen mit teils mehreren tausend Teilnehmenden. Währenddessen wurden antifaschistische Demonstrationen, wie 2022, gekesselt oder, wie letztes Jahr, von der Straße geprügelt, um den Faschisten den Weg freizuräumen. Den Rechten gelang es dabei jeweils, die Öffentlichkeit des Geraer Stadtfestes für sich zu vereinnahmen – doch dieses Jahr wird dies anders sein.

Linke Kämpfe in den letzten Jahren waren und sind (leider oft) Abwehrkämpfe. Was dabei strukturell zu kurz kommt, sind unsere eigenen Positionen; viel zu selten gelingt es, proaktiv eigene Akzente zu setzen. Die Gefahr dabei ist natürlich, letztlich zu im doppelten Sinne ungewollten Verteidiger*innen eines maroden Systems zu werden; eines Systems, das erst den Nährboden solch rechter Umtriebe bereitet, das Menschen unterdrückt, separiert, diskriminiert, ermordet und ermorden lässt. Es ist deshalb wichtig, neben allen notwendigen Abwehrkämpfen auch Räume zu eröffnen, in denen wir selbst Handlungsmacht entfalten, uns selbst die Straße und den öffentlichen Raum nehmen können, um unsere eigenen Positionen und Forderungen hörbar zu machen.

Wir haben deshalb dieses Jahr genau die Route angemeldet, welche in den vergangenen Jahren (und jeden Montag) von den Faschos besetzt wurde. Dieses Jahr werden wir die Öffentlichkeit nutzen, um laut und sichtbar für eine Welt einzutreten, die mit der systematischen Unterdrückung innerhalb des Kapitalismus bricht und in der alle das Recht auf und die Möglichkeit zu einem menschenwürdigen Leben haben. Auch wenn die Faschos um Christian Klar ebenfalls eine Demo angekündigt haben, wird unsere explizit keine Gegendemo sein.

Wir demonstrieren nicht (wieder) gegen etwas, sondern für unsere Ideale, für all die Menschen, die weltweit unter den Zwängen dieses unmenschlichen Systems leiden müssen, wir demonstrieren für die Freiheit aller Menschen und auch die unserer Genoss*innen, welche wegen ihrer antifaschistischen Arbeit verfolgt und weggesperrt wurden und werden. Wir kämpfen für die Zerschlagung des patriarchalen Staates und die Errichtung einer neuen Gesellschaft, einer neuen Welt.

Es lebe die Revolution – am 03.10. alle nach Gera!